| Türkei feiert |
01.11.2003
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Türkei feiert 80. Jahrestag der Republiksgründung
Die Türken begehen heute feierlich den 80. Jahrestag der Republiksgründung. Am 29. Oktober 1923 löste die neue Staatsform das Osmanische Reich ab. Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk wollte sein Land damals nach Westen ausrichten und trennte den Staat von der Religion. So wurden das lateinische Alphabet und westliche Rechtssysteme eingeführt. Der säkulare Staat steht seitdem in einem Spannungsverhältnis zu den religiösen Kräften im Land.
(Yahoo Nachrichten)
Quelle: http://de.news.yahoo.com/ |
| Die Schönheit des Wortes |
16.11.2003
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Islamische Kalligraphie: eine moderne Kunst mit Tradition
Vom kunstgeschichtlichen Standpunkt aus besehen, handelt es sich bei der Kultur des Islam um eine derjenigen Weltkulturen, in deren Kunstschaffen die Kalligraphie (wörtlich: «die Kunst des schönen Schreibens») entscheidende Bedeutung geniesst. Diese Bedeutung sowie Entstehung und Entwicklung der Kalligraphie im Islam hängen dabei wesensmässig mit Grundzügen der islamischen Religion selbst zusammen.
Von Urs Gösken
Eine wesentliche Aussage der islamischen Offenbarung lautet, dass kein Gott ist ausser Gott. Diese Lehre bildet auch den ersten Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses. Sie impliziert, dass alles, was ausser Gott noch ist, nicht Gott ist, sondern etwas anderes. Eine ebenso wesentliche Aussage des Korans offenbart weiter, dass Gott alles geschaffen hat, was in den Himmeln ist und auf Erden. Somit ist alles, was nicht Gott ist, von Gott erschaffen, und einzig Gott ist unerschaffen. Die Göttlichkeit des Schöpfers besteht nach der Botschaft des Islam also in seiner Unerschaffenheit und damit in seiner Transzendenz, d. h. seiner wesensmässigen Unvergleichbarkeit mit dem von ihm Erschaffenen.
Gott kann sich den Menschen deshalb nicht auf dem Wege sichtbarer Vergegenwärtigung oder bildlicher Darstellung offenbaren, denn in seiner Transzendenz ist er unfassbar; sondern nur auf dem Wege einer nichtbildlichen, nämlich schriftlichen Botschaft. Das Göttliche an Gottes Botschaft liegt nach islamischer Auffassung also ebenso in deren Inhalt wie in deren Form oder, anders ausgedrückt: Im Hinblick auf Gottes Botschaft erweist sich die Unterscheidung zwischen Form und Inhalt überhaupt als gegenstandslos.
Vor diesem Hintergrund ist es nur verständlich, dass es einerseits die Schreibkunst, die Kalligraphie, ist, welche in der Kunst des Islam eine herausragende Bedeutung gewann; und dass es andererseits, von der islamischen Kunstgeschichte aus betrachtet, die wichtigste Funktion der «Kunst des schönen Schreibens» im Islam ist, Gottes Wort, den Koran, entweder als Ganzes oder in Teilen zu kalligraphieren. Das bedeutet nun aber nicht, dass es sich bei der Kalligraphie im Islam um eine blosse Formkunst handelt. Vielmehr geht es darum, durch die ästhetisch anziehende Form der Schrift den Gläubigen den Inhalt von Gottes Text zu vergegenwärtigen. Entstehung, Entwicklung und Bedeutung der Kalligraphie im Islam sind also wesensmässig mit dem Gottesverständnis im Islam verbunden.
VIELSEITIG MIT WENIG MITTELN
Der tiefen Beziehung der Kalligraphie zur Religion entspricht ihre weite Verbreitung in der islamischen Welt und die Vielfalt ihrer Anwendungen. Begabte Künstler konnten sich auch selten über einen Mangel an Auftraggebern, staatlichen wie privaten, beklagen. Die Aufträge konnten für den persönlichen Gebrauch bestimmt sein - wie etwa bei der Verwendung von Kalligraphie für Prachtausgaben von Büchern, Innendekorationen in Stuck- oder Steinmetzarbeiten, Holzschnitzereien, Stoffornamente oder Verzierungen auf Gebrauchsgegenständen wie Keramik, Federschachteln oder Waffen; oder für den öffentlichen Raum, wo ebenfalls kalligraphische Ornamente in Stuck, Stein, Holz, Metall oder Keramik zur Anwendung kamen. Dabei war es allerdings selten der Kalligraph selber, der sich an den erwähnten Materialien zu schaffen machte, er schrieb nur die gewünschte Vorlage.
Überhaupt ist die Ausstattung eines Kalligraphen im Vergleich mit der anderer bildender Künstler bescheiden: Papier in verschiedenen Schöpfungen, ein paar schräg angeschärfte Rohrgriffel unterschiedlicher Dicke und eine Tinte, deren Rezeptur oft das Geheimnis des Meisters selbst ist, bilden die «klassische» Grundausrüstung des Künstlers. Weil nach islamischem Glauben Gottes Offenbarung in «deutlicher arabischer Sprache» herabgesandt wurde, ist es auch die arabische Schrift, welche der Künstler kalligraphisch gestaltet. Diese wurde im Zuge der Verbreitung des Islam schliesslich auch zur Verschriftlichung von dem Arabischen nicht verwandten Sprachen wie dem Persischen und verschiedenen türkischen Sprachen benutzt und auch in diesen für kalligraphische Zwecke verwendet.
Die öffentliche und private Förderung der Kalligraphie in der islamischen Geschichte begünstigte das Entstehen von Stilrichtungen, Regeln und künstlerischen Kriterien für die Qualität des kalligraphischen Schaffens, die auch heute massgeblich sind. Sie stellen den traditionellen oder «klassischen» Aspekt der Kalligraphie dar, dessen Beherrschung als Voraussetzung für die Möglichkeit gilt, künstlerisch eigenwillig und innovativ zu arbeiten - mit den Worten eines zeitgenössischen Kalligraphen: «Nur wer die Regeln kennt, kann sie übertreten, ohne sich zu blamieren.» Über die Regeln hinauszugehen, ohne sich zu blamieren, stellt den innovativen Aspekt der Kalligraphie dar. Der klassische Aspekt der Kalligraphie ist es, der vom Meister an seine Schüler weitergegeben wird, und nur wer ihn zu dessen Zufriedenheit beherrscht, erhält von ihm die schriftliche Erlaubnis, selbst als Meister zu wirken. Vor der Entstehung öffentlicher Bildungseinrichtungen in der islamischen Welt seit dem 19. Jahrhundert waren solche Schulen mehr oder minder informell und an die Residenzen der Auftraggeber gebunden, heute ist Kalligraphie Unterrichtsfach an den Kunstakademien im islamischen Raum. Auch in Abend- oder Fernkursen können sich Interessierte in dieser Kunst ausbilden lassen, ein Angebot, das allenthalben rege genutzt wird. So ist Kalligraphie also nicht eine elitäre, sondern durchaus populäre Kunst, sowohl was die Ausführenden als auch was die Betrachter betrifft. Erstere nehmen zudem häufig an nationalen und internationalen Kalligraphiewettbewerben teil, und Letztere können kalligraphische Werke unter anderem in Ausstellungen und Galerien bewundern.
SCHRIFT UND BILD
Als besonders wegweisend für die Entstehung der klassischen Aspekte der islamischen Kalligraphie sollte sich ihre Förderung durch die Dynastien der Abbasiden (8.-13. Jahrhundert), der Timuriden (15.-16. Jahrhundert), die stark von der islamisch-persischen Kultur beeinflusst waren, der Mogulherrscher Nordindiens (16.-19. Jahrhundert, selbst eine timuridische Ablegerdynastie und daher wie diese persisch beeinflusst) sowie der Osmanen (13.-19. Jahrhundert) erweisen, die ebenfalls iranisch-islamische Traditionen weiter pflegten. Besonders die drei letztgenannten Dynastien taten sich aber nicht nur als Förderer der Kalligraphie hervor; unter ihnen blühte auch eine Bildkunst, die als Miniaturmalerei bekannt ist. Dabei ist auffallend, dass sowohl Miniaturmalerei als auch Kalligraphie zur Gestaltung besonders prachtvoller Buchexemplare verwendet wurden, und zwar oft beide Kunstformen in ein und demselben Werk. Schon dieser Befund erweist die gängige Theorie, wonach die Kalligraphie im Islam gleichsam als Ersatz für Bilderkunst, die angeblich einem «Bilderverbot» unterliege, entstanden sei, zumindest als unzureichend. Nicht nur, dass Kalligraphie nicht statt, sondern mit Bildkunst verwendet wird, vielmehr ist die Funktion der Kalligraphie im Islam ja eben die, den Gläubigen etwas näherzubringen, was im Bild sowieso nicht vermittelt werden könnte. Auch dass die erwähnten Dynastien sich als Hüter islamischer Rechtgläubigkeit verstanden, müsste verwundern, wenn Bilder im Islam grundsätzlich etwas religiös Bedenkliches wären.
Allerdings finden sich keine Abbildungen in Texten oder Räumen mit ausschliesslich religiöser Bedeutung wie im Koran oder in Moscheen: Solche Objekte sind in der Tat nur mit Kalligraphie oder abstrakten geometrischen und floralen Mustern ausgestaltet. Verwendung von Bildern in sakralem Umfeld käme einem Muslim aber ohnehin unangebracht vor, denn Bilder können nur Erschaffenes nahebringen, im Koran und in der Moschee geht es ja aber darum, die Gegenwart des Schöpfers zu verinnerlichen, was Bilder nicht leisten können.
Schliesslich ist heute in der islamischen Welt die Verwendung von Bildmedien, nicht zuletzt durch Gruppen mit religiöser Agenda, genauso verbreitet wie in anderen Kulturen und gilt nur dogmatisch abseitigen Gruppierungen wie den Taliban als religiös bedenklich. Wenn die Kalligraphie nun ein blosses Ersatzmedium für Bilder wäre, so wäre zu erwarten, dass sie bei der Verwendung von Bildmedien in der islamischen Welt ausser Gebrauch käme. Genau das Gegenteil ist aber der Fall, wie ein Blick auf das kalligraphische Schaffen seit dem 19. Jahrhundert deutlich macht.
Die Durchdringung der islamischen Welt durch den Westen seit jener Zeit bedeutete auch, dass die Muslime mit Ideen und Werken der westlichen Kunst bekannt wurden. Durch diese Berührung wurden aber die angestammten Kunstformen im Islam nicht durch die des Westens ersetzt. Die Beherrschung der traditionellen Regeln gilt meistens weiterhin als Voraussetzung für die Berechtigung zur Innovation, weshalb auch traditionelle Kunstströmungen neben innovativen im Islam weiterbestehen. Innovation aber bedeutet nun oft kritische Auseinandersetzung mit westlichem Kunstschaffen und die schöpferische Verschmelzung von hergebrachten und westlichen künstlerischen Ausdrucksweisen. Dabei erweisen sich gerade Kalligraphie, selbst eine bildlose Kunst, und nicht gegenständliche Strömungen der westlichen Kunst als besonders geeignet, einander zu ergänzen. Im modernen Kunstschaffen der islamischen Welt verschwimmen deshalb auch zusehends die Grenzen zwischen Malerei und Kalligraphie. Zudem werden kalligraphisch gestaltete Grapheme in Kompositionen integriert, ohne darin eine schriftliche Information zu vermitteln: So wird die Schrift, Mittel und zugleich Gegenstand der abstrakten Kunst der Kalligraphie, um eine weitere Stufe abstrahiert. In innovativen Werken der Kalligraphie wird heute nicht nur mit den klassischen Werkzeugen Rohrstift und Tinte gearbeitet, sondern auch mit Aquarellfarben, Airbrush- und Bürsttechniken und neuen Werkstoffen wie Acryl. Die fortlaufende Abstraktion der Kalligraphie macht sie ausserdem für Gebrauchsgrafik wie Plakatgestaltung, Logos und Schriftdesign verwendbar.
GEGENSÄTZLICHE ENTWICKLUNGEN
Freilich handelt es sich bei den letztgenannten innovativen Anwendungen der Kalligraphie nicht um die Vermittlung religiöser Botschaften, aber auch diese innovativen kalligraphischen Richtungen haben mit der klassischen Kalligraphie immerhin noch gemein, dass es beiden um den Ausdruck nicht abbildbarer Botschaften geht. Säkularistische Strömungen, die ebenfalls seit der Herausforderung durch den Westen in die islamische Welt und damit auch in ihr Kunstschaffen eindrangen, haben das Religiöse als Bezugspunkt künstlerischer Betätigung im Islam nicht etwa abgelöst, sondern vielmehr um nichtreligiöse Bezugspunkte erweitert.
Gerade im kalligraphischen Schaffen der laizistischen Türkei pflegen die Künstler sogar einen betont klassischen Stil, denn sie können nur an Traditionen anknüpfen, die bis zum Ende des Osmanischen Reiches 1924 bestanden. Seither ist die Kulturpolitik säkularisiert worden, ohne dass die Kalligraphie selbst Gelegenheit gehabt hätte, säkularistische Anwendungen zu finden, denn im Zuge der Säkularisierung der Republik Türkei wurde das arabische Alphabet, das Medium der Kalligraphie, durch das lateinische ersetzt. Moderne Kalligraphie in der Türkei steht daher oft im Zusammenhang mit Tendenzen der Rückbesinnung auf das islamische Erbe, wie sie auch in der türkischen Politik der letzten Zeit zu beobachten sind, was aber weder in der Kalligraphie noch in der Politik heisst, dass es sich bei deren Vertretern vorwiegend um religiöse Reaktionäre handeln würde.
Genau umgekehrt verhält es sich mit der kalligraphischen Kunstszene in Iran: Dessen System wurde im Gegensatz zur Türkei nicht säkularisiert, sondern seit der Revolution islamisiert, und so wird in der Kulturpolitik der Islamischen Republik Kalligraphie gefördert, da sie entstehungsgeschichtlich als klassische «islamische» Kunst gilt. Die Beherrschung der klassischen Aspekte der Kalligraphie gilt aber auch in Iran als Vorstufe für Innovation, und von dieser machen iranische Kunstschaffende so regen Gebrauch, dass wir es in der modernen Kalligraphie Irans mit ausgeprägt innovativen, ja avantgardistischen Tendenzen mit vielfältigen nichtreligiösen Anwendungen zu tun haben.
Zu dieser Blüte der Kalligraphie in Iran tragen aber auch Vorgänge bei, die weit in die Geschichte zurückreichen: Im Persischen entwickelte sich vor allem im 13. und 14. Jahrhundert eine mystische oder jedenfalls mystisch interpretierbare Dichtung, die bis heute literarisch wegweisend und populär geblieben ist. Die Werke ihrer herausragendsten Vertreter wie Sa'dî, Jalâl al-Dîn Rûmî und Hâfez stehen bei den Gläubigen Irans an religiöser Bedeutung nur dem Koran selbst nach und bilden so einen beliebten Stoff für kalligraphische Gestaltung. Die persische Kalligraphie befasst sich also seit je nicht nur mit der Vermittlung von Gottes Wort, sondern von religiös bedenkenswerten und literarisch hochstehenden Texten im Allgemeinen. Als literarisch hochstehend gelten aber nicht nur Werke mit religiösem Gehalt, sondern überhaupt solche, aus denen die Seele Beherzigenswertes lernen kann, wie Helden- oder Liebesepen.
Die Verwendung von Kalligraphie auch für nichtreligiöse Texte setzte in der iranisch-islamischen Kultur also bereits vor dem Eindringen des westlichen Säkularismus ein. Dass bei alledem der religiöse Entstehungshintergrund der Kalligraphie nicht in Vergessenheit gerät, ist nicht nur am Nebeneinander religiöser und nichtreligiöser kalligraphischer Strömungen, oft im Werk ein und desselben Künstlers, sondern auch an der Einstellung der Kalligraphen zu ihrem Schaffen erkennbar: etwa wenn ein Meister seine künstlerische Inspiration als «'eschq» bezeichnet - ein Wort, das sowohl «Eros» als auch «Gottesminne» im mystisch-religiösen Sinne bedeutet.
(Neue Zürcher Zeitung)
Quelle: NZZ Online |
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